Birne in der Flasche

Sie ist ein rares Gut. Doch wie gelangt die Birne in die Flasche?

Von Lucas Huber

13. Juni 2022

Spirituosen

Was spienzelt da aus der Flasche? Es ist eine Birne, eine Williams genau. Wie sie ins Glas kommt, erklärt Landwirt Georg Eugster. 

Was für ein Anblick, wenn sie einem so schelmisch durchs Glas entgegenlächelt, die rotbackige Birne, eine Williams, natürlich. Dieses Amt gebührt der Königin allein. Und wie sie da so leger fläzt, stellt sich die Frage schon nach dem Wie? Wie kommt sie da hinein, die dicke Birne? Schliesslich wäre der Flaschenhals gerade offen genug fürs Kerngehäuse. 

Ortsbesuch bei Georg Eugster in Lüchingen, Gemeinde Altstätten SG, der Bodensee ist nur eine Idee entfernt. Der besteht aufs Du, weshalb wir ihn auch hier duzen. Georg also, der meint und rollt dabei mit den Augen, aber grinsend, nicht grollend: «Natürlich kann man eine Flasche nehmen, die Birne hineinlegen und dann erst den Boden darauf schweissen. Aber das machen wir hier nicht.»

Ob er das für Beschiss hält, sagt er nicht, aber irgendwie ist es schon so. Andererseits … item. Georg Eugster ist pensionierter Landwirt, seinen Gehrenhof führt seit Jahren schon der Sohn mit Frau, Milchwirtschaft vor allem, daneben Ribelmais, der weiss ist und mitunter zu Popcorn und Tortillas für den Direktverkauf wird.

Auch wenn Georg in Rente ist, so hat er doch sein Steckenpferd, das er niemand anderem anvertraut: Er bringt Birne und Flasche zusammen. 200 Meter hinter dem Wohnhaus stehen Georgs Birnbäume in Reih und Glied. Und hier glitzern und funkeln nun die Flaschen zwischen dem Laub in der Mittagssonne. 

Die Früchte haben schon eine gewisse Grösse erlangt, drei Wochen ist es her, dass Georg sie in die Flasche einführte. «Der Zeitpunkt ist entscheidend», sagt er – und meint: kurz nach der Blüte, dann, wenn man gut sieht, dass die Blüte befruchtet wurde, sich also tatsächlich eine Frucht bildet. Doch das reicht noch lange nicht.

Der Ast, an dem die Frucht hängt, muss eine gewisse Länge haben, damit er weit genug in die Flasche ragt. Und er muss so dem Baum entwachsen, dass sich die Flasche überhaupt befestigen lässt. Und schliesslich bedürfen Frucht und Flasche jeder Menge Schatten, denn direktes Sonnenlicht heizt die Flasche dermassen auf, dass keine Birne überleben würde. Weil die Flasche wie ein kleines Treibhaus amtet, lassen sich die Früchte aber auch recht früh im August bereits ernten.

Doch vorher vergehen bange Monate. Denn von 30 Flaschen, die Georg Eugster in diesem Jahr an den Bäumen anbrachte, hängen noch etwa 20. «Der Verlust ist leider sehr hoch; wenn ich am Ende der Saison 50 Prozent ernten kann, bin ich zufrieden. Es ist eine herausfordernde Sache.» Und eine aufwendige dazu, schliesslich muss Georg Eugster täglich nach seinen Birnen schauen.

Am Ende schaffen es lediglich rund 15 Prozent der einst aufgehängten Flaschen in den Verkauf. Das erklärt Jennifer Kobelt, Junior-Chefin der gleichnamigen Manufaktur in Marbach SG. Die Mosterei und Brennerei Kobelt  ist es, die Georg Eugster mit der diffizilen Aufgabe des Birneneinflaschens betraut.

Damit das Destillat schliesslich in die Frucht eindringt, wird der befüllten Flasche der Sauerstoff entzogen. Das überlebt manch eine Birne nicht. Und selbst wenn sie das Vakuum übersteht, folgt eine Beobachtungsphase, in der sich herausstellt, ob sie auch stabil bleibt. Erst dann kommt sie ins Verkaufsregal. Doch es braucht etwas Glück, um tatsächlich an das rare Gut zu kommen, denn: «In den vergangenen Jahren war die Nachfrage stets grösser als unser Angebot», erklärt Jennifer Kobelt.

Die Birne in der Flasche gibt es hier

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9437 Marbach

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